Soziale Ökologie als
Wissenschaft,
Population
Dynamics and Supply Systems. A Transdisciplinary
Approach
Veröffentlichung Klimawandel und
Alltagshandeln
Struktur in der Risikogesellschaft
entnommen: http://www.hbs-hessen.de/pol/fachtagung_verkehr/frame.htm (Onlinedokumentation, Stand 17.1.2005, ist nicht mehr zugänglich (Stand 2008))
Konrad Götz, Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE), Frankfurt am Main
(Grafik nicht mehr zugänglich)
Was sagt uns diese Graphik? Wir haben fünf wichtige Gruppen gefunden. Sie unterscheiden sich hinsichtlich der Lebensphase in der sie sich befinden, sie unterscheiden sich hinsichtlich ihrer finanziellen und Bildungsressourcen und vor allem hinsichtlich ihrer grundlegenden Einstellungen und Orientierungen. Auf der Ebene des Verhaltens, die wir ebenfalls untersuchen, zeigen sie signifikante Unterschiede im Freizeit- und im Verkehrsverhaltens.
Hier handelt es sich überwiegend um Ältere angehörige aus dem kleinbürgerlichen Milieu, für die Werte wie Nachbarschaft, Nähe und Häuslichkeit, aber auch Tugenden wie Sauberkeit, Disziplin, Ordnung immer noch handlungsleitend sind. Die Gruppe darf aber nicht mit den Älteren insgesamt verwechselt werden. Denn, wie jeder weiss: Es gibt die neuen Alten, die "golden greys", die wohlhabend sind und moderne Orientierungen mitbringen (Mick Jagger Generation).
Bei der Gruppe der "Benachteiligten" handelt es sich um die Verlierer in unserer Gesellschaft. Sozial Unterprivilegierte, deren einzig feststellbare Haltung eine gewisse Underdog-Einstellung ist und die ein instrumentelles Verhältnis zur Arbeit haben. Ansonsten ist allein ihre soziale Lage kennzeichnend. Sie hat den höchsten Anteil an ungelernten Arbeitern, sowie den höchsten Arbeitslosigkeits- und Sozialhilfeanteil aller Gruppen.
Diese Gruppe sucht überdurchschnittlich stark den Lebenssinn in der Familie, gerät dabei aber in einen Konflikt zwischen der Erwerbsarbeit und der Familie. In dieser Gruppe gibt es überdurchschnittlich viele doppelt belastete Frauen, denen es nicht gelingt, ihre Zeit so zu strukturierten, dass eigene Zeit für sie selbst übrig bleibt. Diese Gruppe ist gestresst und schafft es nicht, die verschiedenen Aufgaben zu trennen.
Es handelt sich um eine Gruppe, die einerseits Distinktion und Exklusivität sucht, aber diese Haltung nicht mit einer Abgrenzung nach unten verbindet. Sie dürfen weder mit den klassischen Aufsteigern, noch mit den in den 80er Jahren sogenannten Yuppies verwechselt werden. Was nämlich auffällt: Sie zeigen ein Engagement für soziale Fragen, sie haben eine gewisse Sensibilität für die ökologische Problematik und sie haben die mit Abstand höchsten Werte beim politischen und ehrenamtlichen Engagement. Ein Typus, der auf den ersten Blick nicht den Klischees entsprechen zu scheint, der sich aber in unseren Untersuchungen häufiger zeigt.
Die Fun-Orientierten weisen vor allem sämtliche traditionellen Werte zurück. Sie stehen zu einem gewissen Egozentrismus, gehen gerne Risiken ein, wollen Spaß haben und verhalten sich gerne auch mal gegen die Vorschriften. Sie sollten aber nicht mit den "Hedonisten" verwechselt werden, nach denen in den 80er Jahren mal ein ganzes Milieu benannt worden ist. Denn, und das ist wichtig, sie verbinden Spaß mit harter Arbeit. In dieser Gruppe gibt es nicht nur das höchste Bildungsniveau und die meisten Studenten, sondern auch einen überdurchschnittlichen Anteil Selbständigen.
In Zusammenarbeit mit Willi Loose und Martin Schmied vom Öko-Institut
Freiburg wurde in dem Projekt auch das Verkehrsverhalten der Gruppen
untersucht. Schauen wir uns das Verkehrsverhalten in der Freizeit an, dann
werden tief greifende Unterschiede deutlich.
Dabei ist interessant: Die Fun-Orientierten haben einerseits den höchsten
Anteil an regelmäßigen Nutzern des ÖPNV, aber sie weisen auch die höchste
Verkehrsleistung mit dem Auto auf. Das gilt nicht nur für die Wege in der
Freizeit, sondern auch hinsichtlich der anderen Wegezwecke.
Interessant ist auch, dass sich die unterschiedlichen Lebensstilgruppen
auch signifikant hinsichtlich ihrer Emissions-Bilanzen unterschieden.
Unterschiedliche Lebensstil zeigen also unterschiedliche Umweltnutzungen.
Soweit das Beispiel aus der sozial-ökologischen Mobilitätsforschung, bezogen auf Deutschland. Für Europa liegen derartige Ergebnisse in einer Verknüpfung mit dem Verkehrsverhalten, (noch) nicht vor. Aber wir können empirisch gestützte Hypothesen aufstellen. Dazu fassen wir die verfügbaren Milieu- und Lebensstilmodelle (aus der Marktforschung des Sinus-Instituts, Heidelberg, von Sigma, Mannheim, aber auch aus der Nachhaltigkeitsforschung des ISOE) zusammen.
Auch wenn dieses Verfahren mit den Ansprüchen einer differenzierten Lebensstilforschung, die ja gesonderte Modelle für jedes Land entwickelt, aber auch mit einer sorgfältigen historischen Forschung eigentlich nur schwer vereinbar ist, soll ein solches Vorgehen, speziell für diese Veranstaltung, riskiert werden (es sollten auf dieser Basis auf keinen Fall allzu weit reichende Schlüsse gezogen werden). Wenn wir also trotzdem eine Art Zusammenfassung europäischer Lebensstile wagen, ergeben sich sieben große Lebensstil-Gruppen:
1. Traditionelle: Sie haben, mit Bezug auf die Wertorientierungen der jeweiligen Herkunfts- Gesellschaft, traditionelle, konventionelle oder kleinbürgerliche Orientierungen. Traditionelle Orientierungen gibt es sowohl in bäuerlichen Gruppen, wie auch unter Arbeitern und "kleinen Angestellten".
2. Moderner Mainstream: Sie stammen häufig aus traditionellen Milieus, suchen aber den Anschluss an das, was in der Gesellschaft als modern gilt. Sie versuchen, Ihre Bodenständigkeit mit einem gewissen Maß an Individualisierung, zu verbinden - diese Gruppe versucht, hinsichtlich des Lebensstandards mitzuhalten - das Auto ist ein wichtiges Symbol des erreichten Status.
3. Ambitionierte: Es handelt sich um Erfolgs- und aufstiegsorientierte Gruppen, die ihre traditionellen Wurzeln hinter sich lassen. Sie sind, insbesondere wenn es um neue Techniken und Verkehrsmittel geht, dynamisch und modern. Sie sind hinsichtlich dessen, was sich gehört oder "angesagt" ist, etwas unsicher, deshalb orientieren sie sich an Vorbildern aus erfolgreichen Vorbild-Milieus.
4. Experimentelle: Sie sind unangepasst, weisen traditionelle Werte vehement zurück und stehen zu ihrer Selbstbezüglichkeit. Ihr Individualismus und ihr individualistischer Eigensinn lässt sie kreativ sein. In Fragen der Alltagsästhetik sind sie häufig wirkliche trendsetter; neueste mikroelektronische Möglichkeiten nutzen sie intensiv und mit Erfindungsreichtum.
5. Intellektuelle: Sozialkritische Gruppen mit höherer Bildung, die häufig Wertorientierungen mitbringen, die in der Vergangenheit "postmateriell" genannt wurden: Sie leisten sich eine Kritik an der Konsumgesellschaft und sie integrieren des Thema Umwelt und Ökologie in ihr humanistisches Weltbild.
6. Unterprivilegierte Gruppen, die finanziell, aber insbesondere hinsichtlich der Teilhabe am Arbeitsmarkt, desintegriert sind. Es handelt sich um Sozialhilfe-EmpfängerInnen, schlecht gestellte Alleinerziehende, Deklassierte, Entwurzelte.
7. Etablierte: Nicht in allen (postsozialistischen) Ländern gibt es ein gewachsenes Bürgertum mit elitärem Selbstverständnis und weltläufigem Habitus. Aber dort, wo es diese Milieus gibt, bildet es ein wichtiges Netzwerk, das viel bewegen kann.
Die hier zusammengefassten Gruppen zeigen - das wissen wir aus der oben
dargestellten Forschung über den Zusammenhang von Lebensstil und
Verkehrsverhalten - jeweils unterschiedlichen Mobilitätsstile: Nicht nur,
dass sie unterschiedliche Fahrzeuge fahren und Fortbewegungsmittel nutzen
- sie weisen völlig unterschiedliche Verkehrsleistungen auf und legen
völlig unterschiedliche Strecken zurück. Die Nutzung und die Aneignung des
Raumes ist in hohem Maße heterogen. Der milieuspezifische Habitus zeigt
sich auch im Verkehrsverhalten:
Die Traditionellen bewegen sich nahräumig und häufig zu Fuß, mit starkem
Bezug zur Nachbarschaft. Die Trendigen (zuvor die "Experimentellen") sind auch hinsichtlich der
Verkehrsmittel experimentierfreudig - sie bewegen sich weiträumig mit
Affinität zu den neuesten Verkehrs- und Informationstechniken. Die
Ambitionierten sind ständig unterwegs und auf der Suche nach Chancen und
Gelegenheiten. Der moderne Mainstream ist bedacht auf soziale Anpassung -
das Zeigt sich auch in der Wahl des passenden Autos. Die Intellektuellen
sind ökologischen Themen gegenüber aufgeschlossen und können für eine
multimodal-pragmatische Fortbewegung gewonnen werden. Die
Unterprivilegierten sind uneinheitlich. Für den einen Teil ist das Auto
ein Symbol der sozialen Integration, das ganz oben auf der
Prioritätenliste steht. Der andere Teil dieser Gruppe macht aus der Not
eine Tugend, lehnt das Autofahren ab und wird zu souveränen Nutzern
öffentlicher Verkehrsmittel.
Quellen:
Götz/Loose/Schmied/Schubert (2003): Mobilitätsstile in der Freizeit,
Berlin
ISOE: www.isoe.de
SIGMA (2004):
www.Sigma-online.de
SINUS-Sociovsion (2004):
www.sinus-milieus.de