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Saarbrücker Zeitung, Nr. 157, S. A2, 9.7.2004

Car-Sharing könnte helfen

Saarbrücken. Auf dem Land gibt es für Jugendliche keine Alternative zum Auto, sagt Steffi Schubert, die am Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt im Bereich Mobilität und Lebensstilanalyse arbeitet. Jugendliche sollten sich zunächst einmal ein Auto teilen, findet Schubert. Mit ihr sprach SZ-Mitarbeiter Simon Scherrenbacher.

Was unterscheidet Land und Stadt in puncto Mobilität?

Schubert: In der Stadt liegt bei den spaßorientierten Jugendlichen ein sehr vielschichtiges Mobilitätsverhalten vor, das heißt, es werden alle Verkehrsträger und -mittel benutzt: Füße, Fahrrad, S- und U-Bahn, Bus, auch das Auto. Auf dem Land werden viel mehr Wege mit dem Auto zurückgelegt: Die Kilometerleistung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen dort sind im Freizeitbereich wesentlich höher als in der Stadt. Die Stadt ist als Freizeitbezugspunkt für Jugendliche aus dem ländlichen Raum interessant, weil dort das Angebot einfach breiter ist.

Ohne Auto läuft auf dem Land also nichts?

Schubert: Im ländlichen Raum ist grundsätzlich eine sehr hohe Autoabhängigkeit vorhanden, sowohl real als auch auf einer symbolischen Ebene. Die Einschränkungen sind im ländlichen Raum viel stärker, wo es kaum Alternativen gibt, und das führt zu persönlichen Abhängigkeiten. Gerade dann, wenn die Jugendlichen anfangen, sich eigenständig zu entwickeln, ihre Persönlichkeit ausleben wollen, sind sie immer noch abhängig von den Eltern, wenn sie zu Freunden und Vereinen abends hingebracht werden müssen. Da ist ein starker Drang da, wenn man endlich 18 ist, den Führerschein zu machen und das eigene Auto zu haben.

Ein Auto bedeutet eben auch Freiheit.

Schubert: Im ländlichen Raum sind die Gemeinden kleiner, und jeder kennt jeden. Das wird von Jugendlichen als sehr eng empfunden. Die wollen ihre Freizeitaktivitäten dann nicht unbedingt im eigenen Dorf durchführen.

Welchen Stellenwert hat das Auto noch?

Schubert: Viele Jugendliche wollen sich auch über ihr Auto darstellen und zeigen, wer sie sind. Mit dem falschen Auto am falschen Platz zu sein, kann bedeuten, dass einen die Freunde nicht mehr anerkennen. In der Stadt kann man mit einem rosa Hollandrad durchaus zu einer Studentenfete fahre, aber man wird auf dem Land damit keine "Schnitte" machen. Des Weiteren ist es auch Freizeitbeschäftigung, am Auto herumzubasteln, es tiefer zu legen und es mit den Freunden gemeinsam aufzumotzen, und dann durch die Gegend zu gondeln.

Die vielen Unfälle zeigen, dass es oft nicht beim Rumgondeln bleibt.

Schubert: Autofahren ist eine sehr komplexe Sache. Wenn man das neu lernt, kann nicht alles richtig eingeschätzt werden. Natürlich ist auch eine gewisse Risikobereitschaft in dieser Gruppe vorhanden, die sich aber nicht nur auf das Auto bezieht, sondern eigentlich auf alle Formen der Fortbewegung. Diese Bereitschaft gibt es aber nicht bei allen Jugendlichen. Das ist eine gewisse Gruppe, die auch zu schnellem und riskantem Fahren neigt und sich darüber auch beweisen möchte.

Werden Tempolimits übertreten, weil man sich dann frei fühlt?

Schubert: Das Alter ist prädestiniert dafür, dass man Grenzen austestet und sie dabei natürlich auch ab und zu überschreitet. Das Problem ist, dass Freizeiteinrichtungen wie Diskotheken im Industriegebiet draußen auf der Grünen Wiese sind, wo es keine öffentlichen Anschlüsse gibt. Das heißt, auch die Jugendlichen, die nicht mit dem Auto fahren, müssen bei jemandem mitfahren. Und dann wir auch mal in der Gruppe gezeigt, wie man sein Auto "beherrscht". Die Alternativen stehen auch nicht für die weniger risikoorientierten Jugendlichen, die zum Beispiel gerne mit einem Diskobus fahren würden, zur Verfügung. Wenn es diesen Jugendlichen zu peinlich ist, die Eltern anzurufen und sich vor der Disco abholen zu lassen, müssen sie das Risiko eingehen, bei anderen mitzufahren.

Welche Rolle spielt das häusliche Umfeld?

Schubert: Die Jugendlichen sind meistens schon sehr autofixiert über ihre Eltern: Viele Mitfahrwege werden mit dem Auto gemacht. So entsteht schon früh das Bild, dass man nur mit dem Auto mobil ist.

Was könnte man denn grundsätzlich gegen die hohe Unfallquote bei Jugendlichen tun?

Schubert: Ich halte diese Gruppe prädestiniert für Car-Sharing, weil ein quasi eigenes Auto zur Verfügung steht und trotzdem die hohen Fixkosten wegfallen. Durch eine stärkere Ausrichtung der Car-Sharing-Anbieter an diese Zielgruppe, beispielsweise durch Jugendtarife, könnte sich in dieser Umbruchphase eine andere Mobilitätskultur entwickeln. Da beim Car-Sharing die Fixkosten relativ gering sind und hauptsächlich die Nutzung kostet, schaut man viel eher, welches Fortbewegungsmittel für den jeweiligen Weg und Zweck das beste ist. Wenn aber das eigene Auto erst vor der Tür steht, schlägt das alles andere aus dem Rennen. Car-Sharing ist jedoch immer gekoppelt mit einem guten Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln, das den Wünschen und Bedürfnissen in dieser Gruppe entgegenkommen muss. Wenn die Disco natürlich keine Anbindung hat, oder das Vereinstraining mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad nicht erreichbar ist, dann kann man Car-Sharing anbieten, so viel man möchte.

Mit freundlicher Genehmigung der Saarbrücker Zeitung http://www.sol.de/sz/index.html, Das copyright liegt beim Verlag, der Inhalt ist urheberrechtlich geschützt.

Auch als pdf-file verfügbar: pdf 86 kb

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