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Frankfurt am Main, 24.06.1999, Medieninformation

Dossier: Mobilität – Fluch oder Segen?

Öko-Test, Heft Nr. 7 /2004, S. 114ff

Nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch neue Lebensstile haben das Mobilitätsverhalten der Deutschen in den vergangenen Jahren drastisch geändert. Modernes Leben, das heißt: mobiles Leben. Lesen Sie in unserem grossen Dossier, wie Menschen, die aus beruflichen oder privaten Gründen ständig unterweges sind, die neue Bewegungsfreiheit empfinden. Und welche Szenarien Experten und Verkehrsstrategen für die Mobilität der Zukunft entwickelt haben...

Auf dem Land leben und jedes Jahr Zehntausende von Kilometern im Auto zurücklegen, in Westdeutschland arbeiten, aber die Familie im Osten haben, zur Mitarbeiterbesprechung des internationalen Konzerns nach Frankreich jetten ... modernes Leben heißt mobiles Leben. "Lebensstil und Mobilität bilden historisch gesehen eine Spiralendynamik", sagt Konrad Götz vom Frankfurter Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE): "Weil es neue Techniken gab, nutzten die Menschen andere berufliche Optionen und entwickelten andere Familienmodelle als früher. Damit erweiterte sich ihr Aktionsraum auf eine Weise, die sich die Generation vor ihnen nicht hätte vorstellen können." Dennoch deutet sich für ihn in den vergangenen Jahren eine Trendwende an. Der Benzinverbrauch ist gesunken, der motorisierte Individualverkehr ist zurückgegangen. Erweist sich die These vom immerwährenden Verkehrswachstum in Deutschland als falsch?

Manche Experten machen die wirtschaftliche Rezession für den Rückgang im Verkehr verantwortlich, andere hoffen auf ein neues gesellschaftliches Klima. Für Mobilitätsforscher Götz ist die Frage offen. Seit neun Jahren untersucht er den Zusammenhang von Lebensstilen und Mobilität. Eines steht für ihn fest: Verkehrsmittel sind nicht einfach Werkzeuge der Fortbewegung, sie sind auch Mittel und Symbole der sozialen Zugehörigkeit. Das Auto etwa steht für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Diesen Aspekt hatten die Grünen außer Acht gelassen, als sie vor einigen Jahren im Bundestagswahlkampf einen Benzinpreis von fünf Mark je Liter forderten. Entsprechend heftig waren die Reaktionen. Laut Götz kam bei den Menschen nicht etwa die Botschaft an: "Wenn Benzin teurer ist, wird weniger gefahren", sondern: "Wir schließen dich, den ganz normalen Verkehrsteilnehmer, von der alltäglichen Automobilität aus."

Mittlerweile haben die Grünen umgesteuert. Bewegungsfreiheit gelte "zu Recht als eine Art soziales Grundrecht", heißt es in ihrem jüngsten Positionspapier. Tatsächlich ist es mit der Ökologie im Verkehr so eine Sache, wenn man soziale Gesichtspunkte im Blick behält. So bilden ausgerechnet gesellschaftlich Benachteiligte, Sozialhilfeempfänger und Arbeitslose hier zu Lande die Gruppe mit der wohl besten C02-Bilanz im Verkehr. Wer kein Geld hat, fährt eben nicht in den Urlaub und ein Auto kann er sich schon gar nicht leisten. Auf eine ähnlich günstige Umweltbilanz kommt nur noch die Gruppe der "Traditionell-Häuslichen" - so bezeichnet das ISOE in einer Mobilitätsstudie ältere Menschen aus kleinbürgerlichen Milieus, für die Werte wie Nachbarschaft und Nähe wichtig sind, während sie technischen Neuerungen eher skeptisch gegenüberstehen.

Doch diese Gruppe stirbt langsam aus und die neuen Alten sind ein höchst mobiles Völkchen, solange sie noch rüstig genug sind. "Wir müssen uns auf veränderte Bedingungen einstellen", prophezeit Verkehrsforscher Karl Otto Schallaböck vom Wuppertal-Institut: "Diese Gruppe hat keine Verpflichtungen mehr, besitzt eine Menge Geld und ist sehr unternehmungslustig."

Vorbild Schweiz

Mobilität hat ihren Preis - den am ehesten diejenigen zahlen, die am wenigsten Verkehrslasten verursachen: sozial schlechter Gestellte, die nicht das Geld haben, sich eine ruhige Wohnung und einen Pkw zu leisten. Doppelt und dreifach motorisierte Haushalte in den Villenvororten müssen schon Pech haben, wenn die neue Autobahnauffahrt direkt vor ihrem Einfamilienhaus gebaut wird. Dennoch halten moderne Verkehrsstrategen nichts davon, das Auto mies zu machen, um die unstreitbar hohen Lasten des Straßenverkehrs zu verringern. Sie plädieren dafür, umweltfreundlichere Verkehrsmittel attraktiver zu machen. Bei der gegenwärtigen Wirtschaftslage ist das auch eine Frage der Sozialpolitik, will man nicht wachsende Teile der Bevölkerung von Mobilität ausschließen. Rein technische Konzepte sind allerdings zum Scheitern verurteilt. Den öffentlichen Verkehr kann nur stark machen, wer die Lebensstile der verschiedenen Nutzergruppen kennt, ist Konrad Götz überzeugt.

Die Autoindustrie hat seit Jahrzehnten erkannt, wie wichtig die Präferenzen der Kunden sind. Bevor ein neues Auto entwickelt wird, ist heutzutage die Marketingabteilung gefragt. Mit einem hier zu Lande einmaligen Aufwand an Marktforschung erkunden die Konstrukteure die Interessen und Vorlieben ihrer Nutzergruppen. Das Ergebnis sind maßgeschneiderte Modelle für jedes Milieu: Der Smart, das zweisitzige Stadtfahrzeug, für die Fun-Orientierten. Der Porsche Cayenne als Geländewagen mit hohem Spaßfaktor für die Aufstiegs- und Leistungsorientierten.

Die Orientierung an einem Lebensstil lässt sich kaum beeinflussen - die Kopplung eines Lebensstils an ein bestimmtes Verkehrsmittel aber schon. "Den Bankern wird nichts genommen, wenn sie Straßenbahn fahren", sagt Götz.

Beispiele für kluge Verkehrsstrategien sind Events wie die Nächte der Museen, die in den Großstädten Frankfurt oder Hamburg organisiert werden. Mit einer Mischung aus sanftem Druck und attraktivem Angebot werden Besucher in die öffentlichen Verkehrsmittel gelenkt: Der Eintrittspreis für die Museen enthält das Ticket für den Nahverkehr, Bahnen und Busse fahren im Fünfminutentakt, die Zielgruppe trifft auf ihresgleichen - Kunstinteressierte und aufgeweckte Nachtschwärmer. Ergebnis: "Die Busse sind bis nachts um drei mit Leuten voll, die sonst auch Auto fahren", freut sich Götz.

Dass moderner Lebensstil mit ökologisch verträglicher Mobilität einhergehen kann, zeigt das Beispiel der Schweiz. Zum Beispiel ist es den Schweizern gelungen, den öffentlichen Verkehr vom Arme-Leute-Hausfrauen-Ausländer-Image zu befreien. Rund 260 000 Schweizer besitzen ein so genanntes Generalabonnement, das es ihnen erlaubt, sämtliche öffentlichen Verkehrsmittel ein Jahr lang jederzeit zu nutzen. Die Dienstleistung Carsharing, hier zu Lande bisweilen noch recht umständlich organisiert, wird in der Schweiz durch ein hoch professionelles Unternehmen flächendeckend angeboten.

"Man müsste schlicht nachmachen, was es da an guten Ideen gibt", seufzt Mobilitätsforscher Götz, "dann wäre man hier zu Lande einen Riesenschritt weiter." (Martina Keller)

Mit freundlicher Genehmigung des Öko-Test-Verlags. Das copyright liegt beim Verlag, der Inhalt ist urheberrechtlich geschützt.

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Pressekontakt im ISOE:

Michaela Kawall,
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